Rezensionen

Gesellschaft / Ethik des Evangeliums
Ihr seid die Ersten von morgen


Christoph Strack

Den Umbruch der Industriegesellschaft sieht der Volkswirt Erik Händeler als Chance für den Christenglauben.


Rheinischer Merkur: Sie sprechen in Ihrem Buch von den Chancen der Kirche in der Informationsgesellschaft. Wie kommen Sie darauf:

Erik Händeler: Weil die Kirche immer in ihr Umfeld eingebettet ist. Wie und was die Menschen arbeiten, beeinflusst auch ihre Religiosität. In der Industriegesellschaft haben sie schon in der Schule blinden Gehorsam gelernt, weil sie am Fließband funktionieren mussten - die haben auch alles geglaubt, was der Pfarrer sagte. Mit dem Auto konnte man plötzlich seiner Familie und Nachbarschaft davonfahren, wenn die einem nicht passte. Und wenn einem der Pfarrer zu konservativ oder zu liberal war, ist man eben sonntags drei Dörfer weiter gefahren. So hat sich der Ökonomisch ermöglichte Individualismus auch in der Kirche ausgebreitet. Allerdings ist das ein notwendiger Schritt: Nur wer seinen eigenen Glauben reflektiert, kann authentisch Christ sein.

Was heißt das für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung?

Die Zeit ist vorbei, in der wir Maschinen effizienter machen konnten, um mehr Wohlstand zu haben, den wir für Renten, Krankenkassen oder Schulen ausgeben konnten. Selbst der Computer macht uns nicht mehr wesentlich produktiver. Das, was wir künftig arbeiten, ist vor allem Kopfarbeit: planen, organisieren, beraten, in der Informationsflut die Information suchen, die man braucht, um ein Problem zu lösen. Bei Stanzmaschinen wussten wir, wie wir sie produktiver machen, aber was ist bei Menschen, die mit Informationen arbeiten? Statuskämpfe, eine unfaire Streitkultur oder Mobbing kosten mehr, als verbesserte Maschinen bringen. Der Wohlstand der Zukunft hängt vor allem vom Sozialverhalten ab. Nach der Zerstörung der früher einheitlichen Gruppenethik sind die Firmen jetzt in eine pluralistische Gesellschaft eingebunden, in der alles gleichgültig erscheint. Aber wenn es um Fragen geht, was das Zusammenleben erleichtert und Sozialkapital bildet, gibt es durchaus ein klares Richtig und Falsch.

Welche Ethik ist das?

Informationsarbeiter können nur dann langfristig vertrauensvoll und produktiv zusammenarbeiten, wenn Wahrheit nicht manipuliert wird; wenn jemand nicht Kraft seines Status von vornherein Recht hat, sondern wenn das Wissen aller mobilisiert werden kann: wenn man fair um die bessere Lösung ringt und sich hinterher nicht wegen Meinungsverschiedenheiten mit Liebesentzug bestraft, sondern versöhnt und weiterhin zusammenarbeitet. Und wenn man sich anschaut, welche Ethik sich da in der Wirtschaft unter Versuch und Irrtum leidvoll herausbildet, dann ist das die Ethik des Evangeliums.

Wird die Informationsgesellschaft an mangelnder Kooperationsfähigkeit scheitern?

Wahrscheinlich wird sich am Ende dieser gesellschaftlichen Reorganisation eine kooperative Ethik herausgebildet haben - aus einer ökonomischen Notwendigkeit heraus. Denn Firmen, die das nicht leben, werden so unproduktiv, dass sie vom Markt verschwinden. Solange sich das Verhalten nicht ändert, wird die Wirtschaft in Stagnation und wachsender Arbeitslosigkeit verharren. Doch keine Ethik kann im leeren Raum stehen. Religion ist die Begründung für eine Ethik.

Deshalb sehen Sie die Zukunft von Kirche optimistisch?
Solang diejenigen die tollen Typen waren, die wussten, wie man ein Auto baut oder Halbleiter zusammenlötet, solange konnten religiöse Themen aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden. Nun rückt ausgerechnet die Wirtschaft Themen in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Entwicklung, die letztlich religiöse Themen sind: Wie sollen wir uns verhalten: Wie werde ich gesund? Wie finde ich meine Ausgeglichenheit wieder? Das nannte man früher "inneren Frieden".

Das gehört zum Erfahrungsschatz der Kirchen ...

Ja, und ihre Konzepte sind besser als die, die ebenfalls Vorstellungswelten anbieten, in denen es jedoch fast nur um den Einzelnen geht. Je mehr der Sozialstaat zusammenbricht, umso stärker werden die Gemeinden. Je weniger Krankenkassen die Krankheiten des Einzelnen noch bezahlen werden, umso mehr wird Glaube als heilend erlebt werden. Je mehr Wirtschaft und Gesellschaft in der Kooperationsfähigkeit der Menschen investieren, umso mehr werden sie nicht Unterschiede, sondern Gemeinsamkeiten auch im Glauben betonen - übrigens auch mit Rückwirkungen, wie innerkirchlich und zwischenkirchlich miteinander umgegangen wird.
Unternehmensberatung wird zurzeit auch bei den Kirchen groß geschrieben. Diese Berater nehmen den Apparat in den Blick, fordern Verschlankung oder die Konzentration auf das "Kerngeschäft". Ist das der richtige Weg?

Die großen Beratungsfabriken sind selbst Relikte der Industriegesellschaft. Sie sehen auf Kosten, verschlanken und kürzen. Die Unternehmensberatungen der Zukunft erhöhen vor allem die Informationsproduktivität, sorgen für bessere Zusammenarbeit, wahrhaftigere Kommunikation, eine bessere Nutzung des vorhandenen Sozialkapitals. Wo Kirche ein verbeamteter Wirtschaftsbetrieb ist, mag ja ein bisschen McKinsey nicht schaden. Nur: Jesus ist kein Produkt, das man vermarktet. Es geht um Menschen, die Gewissheit, Geborgenheit und Trost suchen. Wenn die Kirche anfängt, sich als Dienstleister zu verstehen, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Leute sich wie Kunden verhalten - und nicht wie mitbesitzende, mitverantwortliche Gesellschafter. Kirche - das sind Gebetskreise und Einzelne, die künftig viel mehr als bisher über ihren Glauben ins Gespräch kommen werden. Da zitiere ich den 1984 vestorbenen österreichischen Zukunftsforscher Hans Millendorfer. "Ihr seid nicht die Letzten von vorgestern, sondern ihr seid die Ersten von morgen"

(Das Interview führte Christoph Strack von der Katholischen Nachrichten-Agentur) 12.06.2003


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