Rezensionen

Buchbesprechung:
Erik Händeler "Die Geschichte der Zukunft"


Michael Ehlers

Wirtschafskrise "Absatzprobleme" Verteilungskämpfe "Alles ganz normal", schreibt der Wirtschaftsjournalist Erik Händeler in packender Sprache in seinem Buch "Die Geschichte der Zukunft". Auch in den vergangenen 250 Jahren hat es Erfindungen wie die Eisenbahn, Elektrifizierung oder eben jetzt den Computer gegeben, die zuerst die Wirtschaft haben boomen lassen (Kondratieffzyklen). Wenn diese grundlegende Erfindungen aber irgendwann nicht mehr die Kraft haben, die Produktivität zu steigern, kam es auch bisher immer zu langen Krisen. Die sind jedoch abwendbar: Die Wachstumsproduktivität von morgen ist in den Knappheitsfeldern von heute zu suchen. In der Informationsgesellschaft, in der der größte Teil der Wertschöpfung im gedachten Raum stattfindet, heißt das: Der Umgang mit Information muss effizienter werden und das ist vor allem ein bestimmtes Verhalten in Bezug auf andere Menschen. Denn es gibt sonst keine Maschine mehr, die unsere Gedanken produktiver macht.

Für Unternehmen hat das weitreichende Konsequenzen: Bei einem Projekt ist jemand der wichtigste Mitarbeiter, beim nächsten ist er nur noch unterstützend eingebunden. Wechselnde Wichtigkeit zerstört die bisherige Statusorientierung. Das betrifft das Verhältnis von Alten und Jungen ebenso wie die Zusammenarbeit auf derselben Augenhöhe. So lassen sich all die Verhaltensweisen, die Produktivität in der Informationsgesellschaft schlucken, nicht organisatorisch oder per Wissenstransfer lösen, sondern sind letztlich ein ethisches Problem. Zwar sind die Firmen in eine plurale Gesellschaft unterschiedlichster Wertesysteme eingebunden, doch bei der Frage, was Zusammenarbeit und Zusammenleben fördert oder nicht, gibt es durchaus ein klares "richtig" oder "falsch": Wahrhaftigkeit (weil sich nur dann langfristig produktive Informationsbeziehungen ergeben), Demut (im Sinne von: seine Überlegenheit nicht auszuspielen), dienende Kultur statt Machtkämpfe (um das gesamte Organisationswissen zu mobilisieren), faire Streitkultur das alles ist nicht das fromme Wunschdenken realitätsfremder Moralapostel, sondern der künftig entscheidende Wettbewerbsfaktor in einem Marktumfeld, in dem produktiver Umgang mit Information darüber entscheidet, wer übrig bleibt und wer verschwindet.

Die Konsequenzen der Kondratiefftheorie für einzelne Politikfelder beschreibt Händeler in zehn Kapiteln: An der Börse werden die Aktien von Firmen im Wert langfristig steigen, die "gemessen an Informationskriterien" gut abschneiden: Krankheitsstand, Art der Weiterbildung oder Fluktuation. Teamarbeit und effizienter Umgang mit Information verändern die Lernmethoden in der Schule. Informationsproduktivität setzt vor allem seelische Gesundheit voraus und das baut das Gesundheitswesen radikal um, das sich stärker an den Schnittstellen von Körper und Geist engagiert. Auf dem Weltmarkt steigen jene Regionen auf, die in ein kooperatives gesellschaftliches Klima eingebettet sind. Der Blick in die Geschichte der vergangenen Auf- und Abschwünge schafft eine Intuition zu verstehen, was gerade passiert: Warum gab es nach dem 1. Weltkrieg die Weltwirtschaftskrise, nach dem 2. Weltkrieg aber das Wirtschaftswunder? Weil nach dem Ersten Weltkrieg die Firmen elektrifiziert waren, Ende der 20er Jahre sind die meisten Haushalte an den Strom angeschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich rasant das Auto aus. Und die Ölkrise war dann eben nicht nur eine Ölkrise, sondern das Auto hatte die Zeit der schnellen Ausbreitung hinter sich. Läuft die Wirtschaft schlecht, (nur) weil die Regierung schlecht arbeitet? So ein dummer Zufall, dass überall auf der Welt gerade die falschen am Ruder sind! Aber der wahre Hintergrund ist, dass der Grenznutzen der bisherigen Informationstechnik sinkt. Das spiegelt sich auch am Geldmarkt: Was ist ein wichtigerer Grund, sich Geld zu leihen? Niedrige Zinsen oder dass man damit etwas unternehmen kann und will, das (finanziell) vielversprechend aussieht? Nicht die Zentralbanken steuern das Geld, sondern diese werden vom Tempo der Produktivitätsentwicklung getrieben, so Händeler.

Die nächsten Jahre werden also höchst ungemütlich. Nur: Wie lange der Abschwung dauert, hängt davon ab, wie gut wir unsere Gesellschaft reorganisieren. Händeler: "Und dafür lohnt es sich zu kämpfen." (WMonline zur Verf?gung gestellt von Michael Ehlers, Wmonline-Partner Michael Ehlers Training)

(Das Interview führte Christoph Strack von der Katholischen Nachrichten-Agentur) 12.06.2003


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