Rezensionen

Die Grenzen des modernen Wachstums


Dagmar Deckstein

Wenn die Wirtschaft nicht weiter schrumpfen will, muss sie weiche Faktoren wie Motivation, Kreativität und Zusammenarbeit entdecken.


Die derzeit häufig genannten Begriffe lauten Reform, Beschleunigung, Wandel. Sie sind Chiffren für die Befindlichkeit der Gesellschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Synonyme für neue Herausforderungen, die mit den gestern angelernten und eingeübten Instrumentarien der Gegenwartsbewältigung offensichtlich nicht mehr zu bewältigen sind. Dabei relativiert sich das Wort "neu" im historischen Kontext insofern, als es eine alte, zyklisch wiederkehrende Erfahrung in der menschlichen Entwicklungsgeschichte repräsentiert. Denn auch in der Vergangenheit hat es Phasen gegeben, die von Erfindungen wie der Eisenbahn, der Elektrifizierung oder dem Computer geprägt waren und die zuerst die Wirtschaft haben boomen lassen. Wenn diese grundlegende Erfindungen dann irgendwann nicht mehr die Kraft hatten, die Produktivität zu steigern, kam es zu langen Krisen, die Wissenschaft nennt das bisweilen auch: Kondratieffzyklen.


So befand sich die westliche Welt vor 120 Jahren, wie heute, in einer langen Abschwungphase. Das Gesamtbild ähnelte dem heutigen frappierend: stagnierendes Wirtschaftswachstum, sinkende Preise, schrumpfende Gewinne. Der Unterschied bestand allerdings darin, dass der heutige Begriff "Reform" damals durch die Lösungsvarianten "Krieg" oder "Revolution" ersetzt wurde.


Effizienz der Arbeit Erik Händeler hat nun ein Buch vorgelegt, das die mechanistisch-monetären Denkmodelle der traditionellen Ökonomie weit hinter sich lässt: "Denn das ist das Besondere an der Kondratiefftheorie: Wirtschaft ist nicht nur ein Ökonomischer, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Vorgang." Derzeit befinden wir uns nach Händeler in der langen Abschwungphase des fünften Kondratieff, der durch die Basisinnovation Informationstechnik getragen wurde, und in der jeder zusätzliche und noch leistungsfähigere Computer auf dem Büroschreibtisch die Effizienz der Arbeit nicht mehr erhöht. Wir stecken also, wie vor 120 Jahren, in einer Phase, in der die gesamtwirtschaftliche Produktivität nicht mehr steigt und deswegen auch kein nennenswertes Wirtschaftswachstum in den wesentlichen Industrienationen mehr stattfindet. Der nächste Aufschwung komme erst, so Händeler, wenn eine neue, bisher ungenutzte Produktivitätsreserve genutzt würde, die für den sechsten Kondratieff Zyklus steht: Nur durch ein kooperatives, respektvolles, menschliches Zusammenarbeiten lässt sich die Produktivität in der Wissensgesellschaft erhöhen.


Spätestens an dieser Stelle gilt es, den fremd anmutenden Begriff von der Theorie Kondratieffscher Konjunkturzyklen näher unter die Lupe zu nehmen. Es war Nikolai Kondratieff, der russische Ökonom, der in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Theorie der langen Wellen begründete, die durch produktivitätsfördernde Basisinnovationen ausgelöst wurden. Kondratieff identifizierte die Dampfmaschine (1780-1840), die Eisenbahn (1840-1890) und die Elektrizität (1890-1940) als Basisinnovationen, die einer bis dahin stagnierenden, an der Realkostengrenze angelangten Wirtschaft wieder zu neuem Wachstum verhalf.


Nicht von ungefähr ließ Stalin den Wissenschaftler Nikolai Kondratieff 1933 ermorden, weil seine Theorie der langen Wellen nicht zur kommunistischen Ideologie passte, wonach der Kapitalismus dem Untergang geweiht war. Kondratieff aber hatte ein Erklärungsmuster dafür, dass sich die menschliche Art des Zusammenarbeitens weiterentwickeln würde. Einer seiner namhaften Adepten ist Leo A. Nefjodow, der Kondratieffs Werk im GMD Forschungszentrum Informationstechnik in Sankt Augustin bei Bonn fortfährt. Er identifizierte die beiden weiteren Konjunkturzyklen von 1940 bis 1980, getragen vom Auto und der individuellen Massenmobilität (vierter Kondratieff) und der Informationstechnik als Triebfeder des fünften Kondratieff, die ihren Höhepunkt 2002 fand.


Eine lange Konjukturwelle ist aber eben nicht allein ein Ökonomischer, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Vorgang. Sie verändert die Art, wie sich eine Gesellschaft organisiert, um die neue Basisinnovation optimal zu nutzen. Dazu gehören eine neue Infrastruktur, neue Bildungsinhalte, neue Schwerpunkte in Forschung und Entwicklung, neue Führungs- und Organisationskonzepte in den Unternehmen. Hinter der Kondratiefftheorie steht also die Einsicht, dass die Wirtschaft langfristig nicht wegen niedriger Zinsen, hoher Staatsausgaben, der Geldmenge oder den Löhnen wächst, sondern weil eine Volkswirtschaft produktiver wird. In den letzten Jahrzehnten trug die Informationstechnik das Wirtschaftswachstum - zuerst mit Groß- und Universalrechnern, dann PCs. Vor allem die USA und Japan nutzten die neue Basisinnovation. In Europa verhinderten dagegen starke Vorbehalte ("Jobkiller Computer", "Die verkabelte Gesellschaft") ihre rasche Verbreitung. Inzwischen ist die Informationstechnik die größte Industriebranche der Welt und bescherte ihr einen gigantischen Produktivitätsschub.


Von Mensch zu Mensch Der sechste Kondratieff-Zyklus hingegen wird sich vom derzeitigen Informationsmarkt deutlich unterscheiden. Künftig geht es nicht mehr vorrangig um die Informationsströme zwischen Mensch und Technik, sondern um die Informationsströme zwischen Menschen. Um dieses Potential zu erschließen, bedarf es nach Nefjodow einer neuen Basisinnovation: der psychosozialen, ganzheitlichen Gesundheit. Sie erschließt die Produktivitätsreserven des Informationsarbeiters und bildet die für den wirtschaftlichen Erfolg in der Informationsgesellschaft entscheidenden Standortfaktoren: Motivation, Kreativität, Zusammenarbeit, also immaterielle Faktoren in einer zunehmend immateriellen Wirtschaftswelt. Nicht von ungefähr tauchen in der Managementliteratur seit Jahren immer häufiger Bergriffe wie "emotionale Intelligenz" oder "Work-Life-Balance" auf, die allesamt an einen menschlicheren und damit produktiveren Umgang im Business gemahnen.


Menschlichkeit wird in vielen Zweckgemeinschaften als neu zu erschließendes Wachstumsfeld entdeckt werden müssen. "Doch von dieser Erkenntnis sind wir noch eine teure und schmerzhafte Versuchsstrecke weit entfernt", schreibt Händeler. Es wäre sehr zu wünschen, dass sein erhellendes Buch weite Verbreitung findet, damit zumindest das Problembewusstsein für die schlummernden Produktivitätsreserven und damit für die Wachstumschancen von morgen weit jenseits der verengten Perspektiven von Sachverständigengutachten wachsen kann. (Dagmar Deckstein) Nr. 153 - 7.7.2003



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