Kondratieff

Kondratieffs Gedankenwelt


Ein umfassend anderer Blick auf die Wirtschaft


Da sitzt jemand 1938 in einem sibirischen Gulag und wartet auf seine Hinrichtung. Abgesehen davon, dass das für jeden Menschen eine Katastrophe ist, wird der russische Ökonom Nikolai Kondratieff auch als Wissenschaftler daran verzweifelt sein, dass sein Werk verloren scheint: Mit seiner Theorie der langen Konjunkturwellen hat er umfassend erklärt, wie die virtuell-monetäre und die real-materielle Seiten der Wirtschaft zusammenhängen.


Seine Gedankenwelt, kurz erklärt: Weil ein Produktionsfaktor - zum Beispiel Transport - im Verhältnis zu den anderen Produktionsmitteln zu knapp und daher zu teuer wird, stagniert die Wirtschaft. Denn wenn es an Produktivitätsfortschritten fehlt, machen Unternehmer kaum noch Gewinne und haben damit keinen Grund, zu investieren und Menschen zu beschäftigen. Wenn aber dann eine grundlegende Erfindung - zum Beispiel die Eisenbahn - die Knappheit überwindet, fließt das freie Geld in diesen Sektor, weil sich dort gut Geld verdienen lässt. Die freigesetzten, eingesparten Ressourcen werden in allen anderen Branchen ausgegeben, die Wirtschaft boomt. Bis es eben wieder eine neue Knappheit im Produktionsprozess gibt.


Umfassender als alle anderen Wirtschaftstheorien ist die von Kondratieff, umfassender als jene, die Wirtschaft nur unter monetären Aspekten diskutieren. Preise, Zinsen, Löhne, Geldmenge, Inflation - das alles ist nicht die Ursache der Ökonomischen Entwicklung, sondern nur deren Folge. Kondratieff sieht den Motor der Wirtschaft in den Verbesserungen des realen Lebens, die den Menschen Zeit und Kraft sparen, um damit etwas anderes anzufangen - so entstehen rentable Arbeitsplätze und mehr Wohlstand.


Aus Kondratieffs Sicht kurz vor seiner Hinrichtung waren die Aussichten auch für sein Werk wirklich trostlos: Der Osten versank im Stalinismus, der Westen neigte sich den Ökonomischen Lehren von Keynes zu, der versprach, mit monetären Größen wie Geldmenge und Staatsausgabe Nachfrage so steuern zu können, dass lange Zyklen und deren finale Krisen als endgültig abgeschafft schienen - was auch nur funktionierte, solange Auto und Erdöl nach dem Zweiten Weltkrieg die Wirtschaft trugen.


Wer ganzheitliche Erklärungen für die wirtschaftliche Situation sucht und Strategien für die Zukunft, dem bietet Kondratieffs Theorie einen faszinierend anderen Blick auf die Wirtschaft. Ob in der Schule, an der Börse oder im kranken Gesundheitswesen: Vor dem Hintergrund der Kondratiefftheorie werden die aktuellen Phänomene verständlich und verlieren an Schrecken. Übertragen auf heutige Produktionsverhältnisse gibt sie Antworten: Der beste Weg in die Zukunft ist, in Menschen zu investieren.


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